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Honigklang III

Andreas H.H. Suberg


Datum:
6. April 2020

Ausschnitt aus dem Hörstück für zwei Sprecher und elektroakustische Klänge
nach und mit Texten von Joseph Beuys, Johann Wolfgang von Goethe,
Maurice Maeterlinck, Rudolf Steiner, A.H.H. Suberg und Leonardo da Vinci
Sprecher: Bärbel Acht, Andreas H.H. Suberg
Auftragsproduktion des Hessischen Rundfunks 2020

Inmitten des Industriegebiets von Rottweil eingebettet nimmt sich der Skulpturenpark Erich Hausers zunächst imposant raumgreifend als eine paradiesische Inselsituation für Fauna und Flora aus. Erste Brechung erfährt dieser naturnahe Eindruck nicht nur durch den leise schwelenden und subversiv wirkenden Geräuschpegel der angrenzenden Schnellstraße, sondern auch durch die dort installierten Stahlplastiken des Bildhauers. In ihrer Ungegenständlichkeit weit von Naturhaftem abgerückt, dominieren sie – in ihrem aggressiven und unversöhnlich himmelwärts Aufragenden, sich mahnend im Raum Verspreizenden – das natürlich sie Umgebende verdrängend und halten in ihrer kristallin sich ausformenden Körperlichkeit nur noch vage Erinnerungen und Assoziationen wach an Verhärtungen im Mineralischen. Hier widerhallt das Echo der Dystopie eines von der ihn bedingenden Natur entfremdeten Menschen, die Gottfried Benn als die ‚abendländische Schicksalsneurose‘ beschwört und Heidegger als ‚das Gering der Einheit des Gevierts‘ beschreibt.

Eine speziell auf den Erich Hauser Skulpturenpark ausgerichtete Klanginstallation einer siebten Variante aus dem Werkkomplex HONIGKLANG sollte in den Sommermonaten 2020 erklingen und sich als ein aus der Natur generiertes Klangstück mit dem schon bestehenden heterogenen Environment von Naturnahem und Naturfremden tönend mischen.

Die in HONIGKLANG thematisierte Problematik des Bienensterbens und des Rückgangs der Artenvielfalt wird jüngst durch die uns bedrohende pandemische Krise überschattet und in den Hintergrund gedrängt. Beide Problemfelder gründen aber ursächlich in einer von uns dominierten und unterjochten Natur. Durch die bedingte Verschiebung auf das nächste Jahr bleibt uns nur die Möglichkeit hier einen Ausschnitt von Honigklang III zu präsentieren, um so das Bewusstsein auch für dieses Thema wach zu halten und dem Jubiläumsjahr von Erich Hauser Rechnung zu tragen.

Der Titel HONIGKLANG schafft Assoziationen zu den Bienen, ihrem sozialen Organismus, ihrem Wärme regulierenden Flügelschlag und ihrem Produkt Honig, im Germanischen und Indischen Symbol der Regeneration und Wiederbelebung, das Joseph Beuys als eine lebendige Substanz bezeichnete und mit den Ideen als Resultat menschlichen Denkens in Analogie setzte. Die verwendeten Klänge generieren sich aus dem akustischen Grundmaterial elektronischer Ableitungen des Flügelschlag-Geräuschs von Bienen in ihren Stöcken und Schwärmen. Die Bienengeräusche wurden ausschließlich gestreckt,  transponiert und geschichtet. Das ca. 360-fache Stretching der mehrfach geschichteten Urklänge gewährt einen mikroskopischen Höreindruck in die irritierende Klangschönheit und rührt an, als wäre es der Schicksalsgesang der Bienen selbst. Das Kunstwort HONIGKLANG versinnbildlicht – bedingt durch den Aggregatzustand von Honig und dem damit verbundenen Prozess der Solideszenz – aus dem Flüssigen durchs Weiche zum Festen – das kontinuierliche Fließen, das diesen Klängen in fortwährender Modulation innewohnt.

Das Hörstück HONIGKLANG III wird als CD-Produktion in Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk, der Galerie Marek Kralewski und der Kunststiftung Erich Hauser Ende April 2020 erscheinen.

Andreas H.H. Suberg geboren 1958 in Essen. Seit 1964 früher Klavier- und Orgelunterricht. 1972 -78 erste künstlerische Ausbildung bei dem Künstler, Kunsthistoriker, Essayist, Beuys-Freund und Kunstsammler Franz Joseph van der Grinten. 1978-83 Studium der Kunst, Visuellen Kommunikation und Musik an den Universitäten Gießen u. Frankfurt. 1981-87. Klavier- und Kompositionsstudium an Dr. Hoch’s Konservatorium, Frankfurt; Komposition bei Gerhard Schedl. 1986-93 Kompositionsstudium bei Toni Völker u. Klavierstudium bei Grigory Gruzman an der Akademie für Tonkunst, Darmstadt. 1990 Gründung und seither künstlerische Leitung des multimedialen Glasotronik-Projektes. 1994-99 Studium der elektronischen Komposition bei Prof. Hans Ulrich Humpert im Studio für elektronische Musik der Staatlichen Musikhochschule, Köln. Dozenturen an div. Hochschulen, zahlreiche Stipendien, Preise, Auszeichnungen, Auftragsarbeiten, Publikationen, Rundfunk- und TV- Mitschnitte/-Produktionen sowie Konzerte und Ausstellungen bei nationalen wie internationalen Musikfestivals und Kunstmessen in Europa, Nord- und Südamerika dokumentieren seine Arbeit.

Seit 1990 entstehen in oszillierender Reaktion auf sein kompositorisches Œuvre u.a. Videos, Klang-/Objekte, Klang-/Raum-/Video-Installationen, Fotografien und Grafik als Option multisensorischer Rezeption.

Seit 1998 arbeitet Suberg mit im Nachlass René Acht und war seit 1991 kuratorisch wie redaktionell an diversen Ausstellungen und Publikationen (u.a. Joseph Beuys, Denken ist bereits Plastik, Langen 1992; René Acht – Scherenschnitte 1968-98, Freiburg, 2003; René Acht. Werke aus sechs Jahrzehnten, Bielefeld, 2004) mitbeteiligt.

Intensive Studien von Werk und Wirken u.a. der Künstler-Trias Leonardo da Vinci, Marcel Duchamp und Joseph Beuys initialisieren ästhetische Ansätze und Werkzyklen innerhalb seines Œuvres. Ausgehend vom erweiterten Kunst- und Materialbegriff sowie der Plastischen Theorie bei Joseph Beuys entwickelt Suberg den für seine Arbeit befruchtenden Diskurs um KlangMaterial und MaterialKlang. Das Studium von Marcel Duchamp’s Werk artikuliert sich u.a. in dem glasotronischen, installativ modularen Musiktheaterzyklus même, und die Beschäftigung mit Leonardo da Vinci findet im Leonardo-Zyklus (CD-Publikation / Label WERGO 2019) und den Musikszenarien nach seinen Prophezeiungen ihren Niederschlag.

www.ahhsuberg.de

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